Frustrationstoleranz beim Hund: Frust, Impulskontrolle oder Belohnungsaufschub

„Der muss das jetzt einfach mal aushalten.“

Diesen Satz hört man im Hundetraining ziemlich häufig. Der Hund fiept, wird hektisch oder springt auf – und die Lösung lautet: warten. Schließlich muss er Frustrationstoleranz lernen.

Früher wurde dabei meistens zwischen Frustrationstoleranz und Impulskontrolle unterschieden. Mittlerweile begegnet einem immer häufiger noch ein dritter Begriff: Belohnungsaufschub.

Und plötzlich ist gefühlt jede Übung, bei der ein Hund auf irgendetwas wartet, ein Training der Frustrationstoleranz oder des Belohnungsaufschubs.

Aber was trainieren wir da eigentlich?

Denn nur weil ein Hund wartet, heißt das noch lange nicht, dass wir gerade seine Frustrationstoleranz trainieren.

Frustrationstoleranz, Impulskontrolle und Belohnungsaufschub

Die drei Begriffe hängen eng zusammen und können sogar innerhalb derselben Situation auftreten. Trotzdem beschreiben sie unterschiedliche Dinge.

Bei der Impulskontrolle geht es darum, einen unmittelbar auftretenden Handlungsimpuls zu hemmen.

Ein Dummy fliegt – der Hund rennt nicht sofort hinterher. Die Autotür öffnet sich – der Hund springt nicht direkt heraus.

Beim Belohnungsaufschub bekommt der Hund etwas, das er möchte, nicht sofort.

Die Futterschüssel steht bereit, der Hund wartet kurz und anschließend kommt die Freigabe. Oder der Hund möchte zu einer spannenden Schnüffelstelle, orientiert sich zunächst an seinem Menschen und darf danach hin.

Die Belohnung fällt also nicht weg. Sie kommt lediglich später.

Bei der Frustrationstoleranz geht es dagegen darum, wie gut ein Hund damit umgehen kann, wenn sich eine Erwartung nicht oder nicht so erfüllt, wie er es sich vorgestellt hat.

Und genau das wird im Hundetraining gerne miteinander vermischt.

Ein Dummy – drei verschiedene Dinge

Am Dummytraining lässt sich der Unterschied ziemlich gut erklären.

Der Dummy fällt und mein Hund bleibt sitzen: Impulskontrolle.

Der Dummy fällt, mein Hund wartet zehn Sekunden und ich schicke ihn anschließend: Impulskontrolle plus Belohnungsaufschub.

Der Dummy fällt, mein Hund erwartet, geschickt zu werden – aber ich gehe selbst hin und sammle ihn ein: Frustration.

Jetzt erfüllt sich seine Erwartung nämlich tatsächlich nicht.

Und jetzt für mich die spannende Frage: Was passiert danach?

Kann mein Hund damit umgehen? Bleibt er ansprechbar? Findet er wieder in einen normalen Zustand zurück? Oder steigert er sich immer weiter hinein?

Das sagt mir über seine Frustrationstoleranz deutlich mehr als die Frage, ob er zehn Minuten vor einem Futternapf sitzen kann.

Warten vor dem Futternapf ist nicht automatisch Frustrationstoleranz

Die klassische Übung kennt wahrscheinlich jeder:

Futternapf hinstellen. Hund wartet. Freigabe.

Dagegen ist überhaupt nichts einzuwenden. Es kann eine sinnvolle Alltagsübung sein.

Nur trainieren wir damit nicht automatisch Frustrationstoleranz.

Der Hund bekommt das Futter schließlich. Er bekommt es lediglich etwas später.

Wir bewegen uns damit vor allem im Bereich Impulskontrolle und Belohnungsaufschub.

Und genau deshalb lohnt es sich, beim Training genauer hinzuschauen, was wir eigentlich erreichen möchten.

Muss ich meinen Hund dann absichtlich frustrieren?

Nein.

Denn der Alltag liefert unseren Hunden sowieso genügend Frust.

Der andere Hund darf nicht begrüßt werden. Heute geht es nicht zum Wasser. Der spannende Weg wird nicht genommen. Das Spiel ist vorbei. Ein anderer Hund darf den Dummy holen.

Wir müssen also nicht anfangen, unserem Hund ständig Dinge vor die Nase zu halten, um sie ihm anschließend wieder wegzunehmen.

Frust gehört zum Leben. Ein künstliches Frustprogramm braucht trotzdem kein Hund.

Viel wichtiger finde ich, dass der Hund lernt, mit diesen Situationen umzugehen.

3 Übungen – und was du damit wirklich trainierst

1. Die offene Tür: Impulskontrolle und Belohnungsaufschub

Öffne die Haustür oder die Autotür.

Dein Hund möchte raus, startet aber nicht sofort durch. Nach einem kurzen Moment bekommt er seine Freigabe.

Mehr muss daraus gar nicht werden.

Ich würde einen Hund nicht minutenlang an einer geöffneten Tür warten lassen, nur weil „er das können muss“.

Da er anschließend hinaus darf, trainieren wir hier vor allem Impulskontrolle und Belohnungsaufschub.

2. Der Dummy gehört heute nicht dir: Frustrationstoleranz

Ein Dummy fällt. Dein Hund möchte ihn holen.

Diesmal sammelst aber du den Dummy ein.

Die Erwartung deines Hundes erfüllt sich also tatsächlich nicht.

Meine Dummy-Empfehlung*

Dabei geht es mir nicht darum, möglichst viel Frust zu erzeugen. Dein Hund sollte die Situation bewältigen können.

Fährt er bereits beim Wurf komplett hoch, mach es einfacher: weniger Dynamik, mehr Abstand oder den Dummy zunächst nur auslegen.

Und ich würde anschließend auch nicht automatisch einen Ball werfen. Sonst kann daraus schnell eine neue Erwartung werden: „Okay, den Dummy bekomme ich nicht – dafür kommt jetzt der Ball.“

Auch das kann im Training sinnvoll sein. Es ist nur etwas anderes.

3. Heute geht es da nicht hin: Frust im Alltag

Diese Übung musst du wahrscheinlich gar nicht planen.

Dein Hund möchte zu einer spannenden Stelle, ins Wasser oder einen bestimmten Weg entlang.

Heute geht ihr aber weiter.

Keine Gegenleistung. Kein „Schau mich an, dann darfst du doch“. Es geht einfach nicht dorthin.

Vielleicht schaut dein Hund noch einmal zurück. Vielleicht ist er kurz unzufrieden.

Das darf er sein.

Spannend ist, ob er anschließend wieder ins normale Verhalten zurückfindet.

Genau solche kleinen Alltagssituationen finde ich für Frustrationstoleranz viel wertvoller als künstlich aufgebaute Aushalteübungen.

Frustrationstoleranz bedeutet nicht, keine Emotionen zu zeigen

Ein Hund mit guter Frustrationstoleranz muss nicht emotionslos dasitzen.

Frust ist ein Gefühl – und natürlich darf man einem Hund ansehen, dass er etwas gerade ziemlich blöd findet.

Mich interessiert deshalb weniger, ob mein Hund kurz fiept oder zurückschaut.

Viel wichtiger ist:

Kann er sich anschließend wieder regulieren?

Wird er dagegen zunehmend hektisch, bellt, springt ständig auf oder ist kaum noch ansprechbar, würde ich nicht denken: „Super, jetzt trainieren wir richtig Frustrationstoleranz.“

Dann war die Situation schlicht zu schwierig.

Frust gehört dazu – ein Frustprogramm trotzdem nicht

Frustrationstoleranz, Impulskontrolle und Belohnungsaufschub sind für unseren Hundealltag wichtig. Wir sollten die Begriffe aber nicht einfach durcheinanderwerfen.

Manchmal hemmt dein Hund einen Impuls.

Manchmal wartet er auf etwas, das er anschließend bekommt.

Und manchmal erfüllt sich seine Erwartung tatsächlich nicht.

Das Ziel sollte nicht sein, dass dein Hund möglichst viel Frust aushält. Sondern dass er lernt, damit umzugehen, wenn das Leben eben mal nicht nach seiner Nase läuft.

Und dafür bietet der Alltag mehr als genug Möglichkeiten.


Wenn dein Hund draußen schnell von spannenden Reizen eingenommen wird, könnte dich auch mein Artikel Rückruf unter Ablenkung – so klappt er auch draußen interessieren.

Für das Training draußen kann außerdem eine Schleppleine* sinnvoll sein, wenn du deinem Hund Bewegungsfreiheit geben möchtest, ihn aber noch absichern musst.

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